Um mir das zu erklären, nahm Dr. Merklich ein paar Dominosteine und stellte sie mit ruhiger Hand zu einer kleinen Brücke auf.
„Stellen Sie sich Ihren Fuß wie eine Brücke vor“, sagte sie. „Ihre Fußmuskeln sind die tragenden Pfeiler.“
Sie sah mich eindringlich an. „Im Winter packen wir diese Brücke in dicke, feste Stiefel. Die Stiefel übernehmen die komplette Haltearbeit. Die Muskeln – also unsere Pfeiler – haben monatelang nichts zu tun. Und was passiert mit Muskeln, die man nicht nutzt? Sie schrumpfen. Sie verkümmern regelrecht.“
„Und jetzt kommt der Sommer“, fuhr sie fort und nahm ihre stützenden Hände abrupt weg. Die Dominobrücke stand nun völlig frei. „Sie schlüpfen in flache, harte Sommerschuhe ohne Fußbett und laufen ungeschützt auf hartem Asphalt.“
Was passiert wohl mit einer Brücke, deren Pfeiler schwach und verkümmert sind, wenn plötzlich bei jedem Schritt Ihr volles Körpergewicht darauf lastet?“
Noch während sie die Frage stellte, drückte sie mit dem Finger leicht auf den obersten Stein.
Klack, klack, klack.
Ich starrte auf das kleine Trümmerfeld und verstand sofort. „Sie stürzt ein.“
Ich erkannte mich in ihren Worten wieder. Es war, als hätte sie gerade mein persönliches Schmerz-Tagebuch vorgelesen.